Hintergrund


Apotheke kauft Krankenversicherung

04 Dezember 2017 | aktualisiert 05 Dezember 2017

Die amerikanische Apothekenkette CVS kauft Aetna, eine der großen Krankenversicherungen des Landes, für 69 Milliarden Dollar. Die Übernahme zeigt, wie die alten Grenzen auf dem Gesundheitsmarkt der USA verschwimmen – auch wegen Amazon.

Boston. Eine „Gesundheitsplattform nach Maß“ für jeden Kunden verspricht CEO Larry J. Merlo von der Apothekenkette CVS Health. Das werde durch die Verbindung des persönlichen Umgangs in den Apotheken von CVS mit den nüchternen Zahlenreihen und Statistiken von Aetna möglich. Denn der Versicherungskonzern Aetna und CVS Health wollen sich zusammenschließen. CVS kauft Aetna für 69 Milliarden Dollar (58 Milliarden Euro / 68 Milliarden Franken). Mit Aetnas Schulden sind es sogar 78 Milliarden Dollar.

45 Millionen Versicherte

Der Verkauf von Medikamenten und die Bezahlung der Rechnung sind dann in einer Hand. Aetna hat fast 45 Millionen Krankenversicherte und CVS betreibt in den USA 9700 Apotheken und 1100 Tageskliniken. Außerdem übernimmt CVS die Abwicklung vom Rezept zur Aushändigung der Medikamente – also die Abrechnung mit Arzt und Kassen – schon für 90 Millionen Kunden als einen bezahlten Zusatzdienst.

Beide Unternehmen bezeichneten den Zusammenschluss als „natürliche Entwicklung“ der Gesundheitsbranche in den USA. Viele Amerikaner sind mit dem kleinteiligen System überfordert, in dem Ärzte, Krankenversicherung, Apotheken und andere Dienste oft unterschiedlichen Dachverbänden angehören. Das gemeinsame Unternehmen werde „die Konsumentenmacht dramatisch steigern“, erklärte der CEO von Aetna, Mark T. Bertolini. „Wir werden die gesundheitlichen Ansprüche unserer Versicherten besser verstehen, sie durch das Gesundheitssystem führen und ihnen helfen, das Beste für ihre Gesundheit zu bekommen.“

Abwehr von Konkurrenten

CVS aus Rhode Island kauft Aetna, mit Sitz in Connecticut, für 207 Dollar pro Aktie, wobei 145 Dollar in bar bezahlt werden, der Rest in Aktien. Beide Unternehmen erwarten von der Fusion Einsparungen von 750 Millionen Dollar. Stimmt die Kartellaufsicht dem Vertrag zu, dann könnte der Zusammenschluss in der zweiten Jahreshälfte 2018 vollzogen werden.

Die Manager beider Firmen stellten die Fusion als einen Schritt in die Zukunft dar. Aber Experten sehen darin vielmehr eine Präventivschlag gegen die erwartete Konkurrenz, die durch tiefgreifende Veränderungen auf dem US-Gesundheitsmarkt absehbar sind. Denn alle Firmen müssen versuchen, ihre Kosten drastisch zu senken. Einige Pharmahersteller haben solche Konsolidierungsschritte schon hinter sich. Jetzt ziehen die Krankenversicherer, die „Pharmacy benefits manager“ – Firmen zur kaufmännischen Rezeptabwicklung – und ähnliche Anbieter nach. CVS hat eine solche Firma 2007 gekauft: Caremark Rx. Inzwischen macht dieser Bereich ein Drittel des Geschäftsvolumens aus.

Der größte amerikanische Krankenversicherer, die UnitedHealth Group, hat schon Apotheken, Kliniken und andere Gesundheitsdienste aufgekauft. Und Express, einer der großen Rezeptabwickler, will versuchen, mit einer Krankenkasse zu fusionieren – wenn der Preis stimmt, wie man versichert.

Besorgnis wegen Amazon

Versicherer und Medikamentenverkäufer bereiten sich alle auf den Moment vor, zu dem Amazon in diesen Bereich eintritt. Es ist absehbar, dass Amazon auch dem Medikamentenmarkt auftauchen wird, mit seiner riesigen Erfahrung im Versandhandel und vielen Milliarden Dollar an liquiden Mitteln.

„Dieser Zusammenschluss sieht mir nach Verteidigung aus, wie immer man ihn betrachtet“, sagte Professor Ben Gomes-Casseres von der Universität Brandeis im Bundesstaat Massachusetts. „Zum einen zur Verteidigung gegen die Bedrohung durch Amazon, von der wir noch nicht viel wissen und, ob sie überhaupt kommt. Und zum anderen gegen das Entstehen von mächtigen Zusammenschlüssen in der Gesundheitsbranche.“ 

Noch ist nicht klar, ob die Kartellbehörden die Fusion genehmigen werden. Bei CVS und Aetna geht man davon aus, da beide technisch gesehen nicht in derselben Branche tätig sind.