Hintergrund


Auch Utah setzt auf Silicon

12 Oktober 2017 | aktualisiert 12 Oktober 2017

Silicon Valley ist das globale Zentrum des digitalen Wandels – aber in den USA bei weitem nicht das einzige. Auch der Mormonenstaat Utah setzt auf die Förderung von Jungunternehmen und die Digitalisierung – nur viel familienfreundlicher.

Boston. Salt Lake City ist zu einem neuen Zentrum der amerikanischen Hochtechnologie geworden. In Kalifornien spricht man von Silicon Valley, in Utah von den Silicon Slopes. Hänge statt Tal – aber in jedem Fall Silicon, oder Technologie.

Vom Erholungsgebiet zum Tech-Zentrum

„Es ist kein Geheimnis, dass Utah jetzt einen wohlverdienten und hart erarbeiteten großen Moment hat,“ sagt Clint Betts. Der ehemalige Software-Entwickler hat Silicon Slopes gegründet, eine gemeinnützige Beraterfirma für Unternehmen der Hochtechnologie. „Wir sind nicht länger eine kleine Gemeinschaft mit nur ein paar Erfolgsgeschichten. „Wir werden rasch zu einem weltweit anerkannten Zentrum für die Technologiebranchen und für Innovation“, sagt Betts.

Jahrzehntelang galt Salt Lake City als eine weit abgelegene Stadt, wo Mormonen lebten und sich nur gelegentlich Skifahrer und Besucher des Sundance Filmfestivals einfanden. Die moderne Technologie startete dort erst 2002, als der LAN-Pionier Novell in Utah zu arbeiten begann wie auch WordPerfect, die lange Jahre führende Schreibsoftware. Damals begann der Onlinehändler Overstock.com in der Stadt Midvale in Utah zu expandieren. Heute ist das Unternehmen eines der wenigen aus dieser Gründerzeit, die sich trotz Konkurrenz von Amazon und anderen Internetgiganten gehalten haben.

Risikokapital geht nach Utah

Utah ist inzwischen der Standort von mindestens fünf so genannter Einhörner, privaten Technologiefirmen mit einem Wert von mehr als einer Milliarde Dollar (840 Millionen Euro / 970 Millionen Franken). Es sind Domo, wo Geschäftsprogramme entwickelt werden, Marktforscher Qualtrics, die Online-Bildungsfirma Pluralsight, der Online-Vermarkter von Produkten mit künstlicher Intelligenz, Inside Sales. Und die Sicherheitsfirma Vivint Smart Homes.

Nur Kalifornien, New York und Massachusetts haben mehr Risikokapital für Firmengründungen und Ausbau angezogen als Utah. Das berichten die Finanzforscher von CB Insights. Anleger haben 2,6 Milliarden Dollar in die zehn größten Start-ups von Salt Lake City investiert.

„Die Region ist vom Erholungsgebiet mit einigen Technologiefirmen zu einem kompletten technologischen Ökosystem geworden“, sagt Risikokapitalmanager Mark Gorenberg von Zetta Venture Partners in San Francisco.

Snapchat meidet Silicon Valley

Das in Los Angeles ansässige soziale Netzwerk Snapchat hat kürzlich angekündigt, dass es in der Vorstadt Lehi von Salt Lake City eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung einrichten werde. Der aus Utah stammende Ingenieur Dave DeLong soll die Einrichtung leiten. Die Abgelegenheit von Utah war einer der Gründe für Snapchat für diese Auslagerung. Man wollte nicht ins Silicon Valley mit der Forschungseinrichtung gehen, weil dort in unmittelbarer Nähe der Konkurrenten zu häufig neue Entwicklungen durchsickerten und beim Mitbewerber landeten.

Weltoffene Mormonen

Dass in Salt Lake City 56 Prozent der Einwohner Mormonen sind, könnte etwas mit der Entwicklung zu tun haben. Junge Mormonen müssen zwei Jahre lang außerhalb des westlichen Bundestaates arbeiten, oft missionieren sie im Ausland, lernen andere Sprachen und Kulturen kennen. Und sie lernen, unabhängig zu werden und sich allein durchzuschlagen. Viele Mitarbeiter in der modernen Technologiebranche kommen von der Brigham Young University in Salt Lake City, an der Unternehmertum ein Studienfach ist.

Was dort gelehrt wird, hat allerdings einen eigenen Ansatz: Man setzt nicht auf einen halsabschneiderischen Wettbewerb, sondern mehr auf Zusammenarbeit. Und auf mehr Familiensinn. „Die Gründer haben ihre Firmen stets als Familienbetrieb verstanden, wie eine Farm“, erläutert Ryan Smith, der das heute auf 2,5 Milliarden Dollar geschätzte Unternehmen Qualtrics mitgegründet hat.