Hintergrund


Begründer des New Journalism ist tot

16 Mai 2018 | aktualisiert 16 Mai 2018

Am Dienstag ist der amerikanische Journalist und Schriftsteller Tom Wolfe im Alter von 88 Jahren verstorben. Mit dem von ihm begründeten New Journalism prägte er sowohl den Journalismus als auch die Literatur. „Fegefeuer der Eitelkeiten“ war sein größter Erfolg.

New York. Die letzten Jahre seines Lebens waren für Tom Wolfe bestimmt nicht einfach. Wenn er vor die Tür seiner Zwölf-Zimmer-Wohnung auf der Upper East Side von Manhattan getreten ist, hat er sicherlich seine Abscheu angesichts des Schauspiels, das sich ihm darbot, nur schwer verbergen können. Für den stets makellos in einen edlen Dreiteiler gekleideten Schriftsteller müssen die Massen an in Sportkleidung gewandeten Touristen ein Graus gewesen sein.

Wolfe, der am Dienstag im Alter von 88 Jahre in New York verstarb, war der Inbegriff des Dandy. Wie die Figur, die Baudelaire vor mehr als 150 Jahren als den „Maler des modernen Lebens“ beschrieb, war Wolfe zugleich Darsteller im Theater der Straße als auch dessen feinsinniger Beobachter.

Erfolg mit „Fegefeuer der Eitelkeiten“

So war sein größter Romanerfolg, „Das Fegefeuer der Eitelkeiten“ ein Sittengemälde des New Yorks der 80er Jahre. Der Verkaufsschlager beschrieb die Hybris der Wall Street-Bosse ebenso wie die Korruption der Politiker, er zeichnete die absurde Kluft zwischen arm und reich in der Stadt und nahm mit satirischer Feder die Subkulturen der Stadt aufs Korn, die aus der Anarchie der 70er geboren worden waren.

Das „Fegefeuer der Eitelkeiten“ war das erste rein literarische Werk des gelernten Journalisten Wolfe, der seine Karriere als Lateinamerika-Korrespondent der „Washington Post“ Anfang der 60er Jahre begonnen hatte. Vorher hatte er sich jedoch bereits einen Namen mit sechs journalistischen Werken gemacht, die allesamt von der Kritik als glanzvolle Dokumentationen des Zeitgeistes gelobt wurden.

New Journalism begründet

Zu den berühmtesten dieser Werke gehörte „Der Electric Kool-Aid Acid Test“, in dem Wolfe die Drogen- und Hippie-Kultur Kaliforniens in den 60er Jahren aufs Korn nahm. Noch erfolgreicher war jedoch das mehrfach verfilmte Buch „Die Helden der Nation“ – die Geschichte jener draufgängerischen Luftwaffenpiloten, die nach dem zweiten Weltkrieg den Weg für die amerikanische Raumfahrt bahnten.

In diesen Werken perfektionierte Wolfe seinen Stil, der später sowohl die Welt des Journalismus als auch die der Literatur auf dem Kopf stellen sollte. Wolfe verabschiedete sich von der trockenen, nüchternen Sprache der journalistischen Berichterstattung und verwendete bewusst literarische Erzählformen, sowie einen offen subjektiven und kommentierenden Tonfall.

So entstand eine neue Form des Journalismus, die sich im Lauf der 70er Jahren nicht nur zur Königsdisziplin der Berichterstattung aufschwang, sondern auch zur dominanten Form der Literatur. Zeitgenossen wie Norman Mailer, Hunter S. Thompson und Joan Didion kultivierten die Form, die als „New Journalism“ Eingang in die Literaturgeschichte fand. Die New Journalists glaubten daran, dass die Zeiten nach einem stärkeren Realismus in der Literatur, sowie nach mehr Freiheit im Journalismus riefen, um wirklich das Wesen der Epoche freilegen zu können.

Journalismus und Literatur beeinflusst

Anders als etwa Thompson oder Didion behielt Wolfe jedoch stets Abstand zu seinen Gegenständen. So sehr er etwa von der Hippie-Kultur der 60er Jahre oder von der überdrehten Welt der Hochfinanz in den 80er Jahren fasziniert war, so sehr grenzte er sich auch von ihnen ab. Wolfe bleib der distinguierte, eher konservative Südstaaten-Gentleman, als der er aufgewachsen war und kultivierte seinen Sarkasmus gegenüber den Menschen und Themen, die er beschrieb.

Seine letzten Romane über die Wirrungen einer College-Studentin und über das kubanische Miami fanden unterdessen nur gemischte Resonanz. Die große Zeit des New Journalism war vorbei. Die Praxis des Journalismus und der literarischen Produktion bleiben jedoch – nicht nur in den USA – zutiefst von Wolfes Innnovationen beeinflusst.