Hintergrund


Blutige Mafiafehde in Apulien

11 August 2017 | aktualisiert 11 August 2017

Vier Tote forderte die jüngste Mafiafehde bei Foggia. Ein Killerkommando mordete den Boss eines gegnerischen Clans. Zwei Bauern, zufällig Zeugen des Anschlags, wurden ebenfalls erschossen. Ein Clankrieg flammt wieder auf.

Florenz. Eine Szene wie im Mafiafilm: Fünf Killer verfolgen einen blauen VW-Beetle, aus naher Distanz geben sie aus automatischen Gewehren Feuerstöße ab. Die Insassen, der Boss eines feindlichen Clans sowie sein Fahrer sind auf der Stelle tot. Zufällig sehen zwei Bauern die Szene, die Zeugen dürfen nicht überleben und werden von den Killern gejagt. Auch sie sterben im Kugelhagel.

Doch keine Filmszene war hier geschildert, dies trug sich diese Woche im apulischen Mattanza zu, am helllichten Tag auf der Provinzstraße 272. Clankrieg in der Sacra Corona Unita, der vierten, meist von der Presse vernachlässigten Mafia Italiens. „Krieg im Touristenparadies Gargano“ titeln nun die Tageszeitungen, erschrocken über das, was sich fernab von den Schauplätzen von Cosa Nostra, Camorra und ´Ndrangheta abspielte.

Fehde seit langem bekannt

Der jetzige Anschlag traf Mario Luciano Romito (50), einer der Bosse des gleichnamigen Clans aus Foggia, sowie seinen Schwager Matteo De Palma, der als Fahrer Romitos arbeitete. Mutmaßlich ging der Anschlag vom feindlichen Clan Li Bergolis aus. Die Familien Romito und Li Bergolis galten einst als Alliierte gegen die Clans Alfieri-Primosa. Sowohl die einen als auch die anderen sahen ihr Hauptgeschäft im illegalen Drogengeschäft über Albanien und die Adria.

Die Allianz zwischen Romito und Li Bergolis hielt, bis sich Franco Romito entschloss, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Anfang 2009 drohte ihm eine längere Haftstrafe wegen Drogenhandels, Romito gab den ermittelnden Carabinieri Tipps, wie man die Drahtzieher verhaften könne. Am 7. März 2009 wurden etliche Clanführer Li Bergolis zu langen Haftstrafen verurteilt, am 21. April jenes Jahres wurde Franco Romito erschossen, ein Jahr später sein 23-jährigerSohn Michele. Nun traf es Francos Bruder, Mario Luciano Romito, erst sechs Tage aus der Haft entlassen, wo er eine Strafe wegen Raubüberfalls verbüßt hatte.

Seit Anfang dieses Jahres gibt es schon 17 Tote im Clanstreit, eingerechnet der unschuldigen Opfer Luigi und Aurelio Luciani, die beiden Bauern, die zufällig am Tatort auf ihrem Feld arbeiteten.

Bisher wenig Aufmerksamkeit 

Mit Bestürzung nahm der nationale Antimafiaermittler Franco Roberti die Nachricht vom jüngsten Fememord auf. In den vergangenen 30 Jahren habe es in Apulien 300 Mafiamorde gegeben, 80 Prozent von ihnen seine bis heute unaufgeklärt. „Es handelt sich keineswegs um eine Mafia der Serie B“. erklärt Roberti sarkastisch. 

Der frühere Polizeichef von Foggia, Piernicola Silvis, bezweifelt jedoch, dass es sich bei den Auseinandersetzungen um Clans der Sacra Corona handelt. „Es ist eine eigene mafiöse Struktur, die sich um Foggia gebildet hat“, so Silvis, „diese ‚Società Foggiana’ geht brutaler, direkter und blutiger vor, als es zur Zeit Camorra und ´Ndrangheta zeigen. Und der Staat scheint machtlos.“ Denn im betroffenen Gebiet herrscht Angst und Schweigen vor, eine Omerta wie vor 40 Jahren in Sizilien. So können die Clans schalten und walten, wie es ihnen beliebt.

Innenminister verstärkt Polizei 

Innenminister Marco Minniti hingegen kündigte schärfste Reaktion des Staates an: „Wir können nicht hinnehmen, dass Unschuldige Opfer eines Mafiakrieges werden.“ Der Minister kündigte eine „harte“ und „entschiedene“ Antwort des Staates an, eine, die „bislang keinen Präzedenzfall“ hat. 

192 zusätzliche Agenten der Polizei und Carabinieri werden in den Raum Foggia entsandt, darunter 44 Spezialisten des Carabinieri-Jägerbataillons von Kalabrien. Ob die zusätzliche Präsenz der Staatsmacht den Mafiakrieg beendet, werden voraussichtlich bereits die kommenden Wochen zeigen.