Hintergrund


Das Drama der Abhängigkeit

16 April 2018 | aktualisiert 16 April 2018

Connie Palmen beschreibt in „Die Sünde der Frau“, warum vier Künstlerinnen zur Selbstzerstörung neigten. Zu diesen gehören auch Marilyn Monroe Patricia Highsmith. Die vier Frauen wollten sich nicht an die konservative Selbsterhaltung halten.

Der Schriftsteller Cees Nooteboom erkannte, dass der Anfang einer großen Liebe von der Sehnsucht nach der großen Liebe bestimmt sei. Deshalb scheitern Liebesbeziehungen oft, die Sehnsucht ist nie ganz zu erfüllen. Frauen, schreibt Connie Palmen in „Die Sünde der Frau“, seien dieser Gefahr stark ausgesetzt, wenn sie sich von einem geliebten Menschen abhängig machen.

Von Monroe bis Highsmith

Die holländische Autorin, 62, belegt dieses Muster an vier berühmten Frauen, deren Leben Tragödien waren. Der Schauspielerin Marilyn Monroe, deren innigster Wunsch die Anerkennung durch andere war. Der Schriftstellerin Marguerite Duras, die ihre Männer betrog und literweise Alkohol trank. Der Dramatikerin Jane Bowles, die mit Mitte Fünfzig einsam starb. Und der weltberühmten Schriftstellerin Patricia Highsmith, die wegen der Hassliebe zu ihrer Mutter immer neue Mordfantasien durchspielte.

Der Essayband versammelt extreme Schicksale. Die Leser des schmalen Buches erfahren nicht wirklich etwas Neues über die Künstlerinnen. Aber Palmen kann präzise und in packender Sprache schildern, wie fatal die Kindheit eines Menschen sein kann, so dass daraus Süchte und Selbstverletzungen entstehen. Bemerkenswert ist, dass alle vier ihr künstlerisches Schaffen hinter einem Pseudonym ausübten – die wahren Namen, die Herkunft wurde sozusagen überschrieben.

Durch Sex Beachtung finden

Norma Jean Baker, als Marilyn Monroe bekannt, war von ihrer psychisch kranken Mutter verstoßen, der Name des Vaters in der Geburtsurkunde ausgelöscht worden. Das Mädchen wächst in immer neuen Familien auf, wird noch vor ihrem zwölften Geburtstag zwei Mal vergewaltigt. „Sex ist das Mittel, das sie einsetzt, damit sie gewollt wird, damit man ihr Beachtung schenkt“, so Palmen. Das geschieht im Übermaß, bis hin zu einem Verhältnis mit dem Präsidenten John F. Kennedy. Aber sie weiß nie, wohin sie gehört. Mit 37 nimmt sich das Sexsymbol Hollywoods das Leben. Palmen schreibt: „Wenn es keinen Vater und keinen Gott gibt, sie zu strafen, wird sie es selber tun.“

Marguerite Duras (Marguerite Donnadieu) wollte im Schreiben „Geheimnisse enthüllen, die unerträglich sind“. Nach dem frühen Tod des Vaters hatte sie mit der schwierigen Mutter, einer Furie, zu kämpfen. Ihren älteren Bruder wollte sie umbringen, mit dem anderen Bruder war sie im Inzest. Ihre Übertretung trieb sie in die Alkoholsucht, „Whisky, Likör, Wein, manchmal fünf Liter am Tag“, heißt es. Dennoch schaffte sie es, 82 Jahre alt zu werden und große Bücher zu verfassen.

Jane Bowles (Jane Auer) litt ebenfalls am frühen Tod ihres Vaters. Sie liebte viel, fast immer falsch, wurde grausam verletzt, ihr Bein verkrüppelt, „ein lachender, ausgelassener, selbstquälerischer Kobold“, beschrieb sie ihr Freund Truman Capote. Ihre Sünde war, dass sie anders war: lesbisch, kühn, frech, unberechenbar. Sie starb früh und einsam im spanischen Málaga.

Patricia Highsmith (Mary Patricia Plangman) war ein literarisches Genie, litt aber lebenslang an der verqueren Beziehung zu ihrer Mutter. „Mutter und Martini“, heißt es.

Erbsünde ist der Ursprung

„Wahrscheinlich beginnt alles beim Ursprung aller Ursprünge“, resümiert Palmen. Gemeint ist die Erbsünde. Gottvater verstößt Eva, die gegen das Gebot verstieß, nicht von den verbotenen Früchten zu essen und Adam dazu zu verleiten. Palmen sieht „die Erbsünde als Sünde der Imagination. Dass auch Gott selbst von der Imagination abhängig ist, um existent sein zu können, glauben die einen und andere nicht.“

Die vier Künstlerinnen galten als unmäßig, weil sie sich nicht an die „konservative Selbsterhaltung“ hielten. Sie wollten nicht nur beschädigte Kinder sein. Dafür büßten sie in ihrer Zeit.

Connie Palmen: „Die Sünde der Frau.“ Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes, 96 S., 20 €.