Hintergrund


Das nächste große Ding

15 Mai 2018 | aktualisiert 15 Mai 2018

Frank Schirrmacher hat in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine Blitzkarriere bis zum Herausgeber erlebt. Er war auch umstritten, starb mit 54 Jahren früh. Nun versucht Michael Angele, den ungewöhnlichen Publizisten zu erklären – vor allem mit Anekdoten.

Es war zu erwarten, dass Frank Schirrmacher (1959 bis 2014) zum Objekt von Publikationen würde. Der vor vier Jahren nach einem Herzinfarkt in Frankfurt verstorbene Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), damals 54 Jahre alt, war bekanntlich umstritten. Mit 29 Jahren wurde er Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki, mit 34 avancierte er zu einem der Herausgeber. Eine ungewöhnliche Karriere, die es in der bürgerlichen Zeitung zuvor nie gegeben hatte. Wie kam sie zustande? Michael Angele versucht sich in „Schirrmacher“ an Antworten, das Buch erscheint am Freitag.

Autor kannte Herausgeber nicht

Angele, 53, hat einige Zeit für die „Berliner Seiten“ der FAZ als Redakteur gearbeitet. Er ist seinem Arbeitgeber allerdings nur zwei Mal persönlich begegnet, wobei es, weil es sich um Veranstaltungen handelte, nicht zum persönlichen Gespräch kam. So hat sich der Autor bei anderen kundig gemacht, die Schirrmacher kannten, meist weil sie unter ihm gearbeitet hatten. Er zitiert auch namenlose „Beobachter“ und trägt diverse Anekdoten zusammen. Den meisten „meiner Gesprächspartner“ sei sofort etwas eingefallen und viele von ihnen hätten emotional und oft heftig reagiert. Das Buch lebt von sachlichen, aber auch geschwätzigen und gehässigen Informationen.

Natürlich ist es dennoch interessant, auch wenn Angele am Ende „in dieser Sache kein Urteil fällen möchte“. Angele versucht aus Schirrmacher eine „literarische Figur“ zu machen. Nur so könne man dem kühnen Denker, dem raffinierten Netzwerker und brutalen Chef gerecht werden. Er selbst habe sich ja so gesehen und im Gespräch mit Herlinde Koelbl, die ihn fotografierte und interviewte, den Anspruch erhoben, als „größter Publizist seit Martin Luther“ anerkannt zu werden.

Überspitzte Themen

Schirrmachers Debattenanregungen waren stets aufregend. Er war der „Erregungstechniker schlechthin“, wie einer seiner Redakteure formulierte. Es ging ihm immer um „das nächste große Ding“. Ob es um die radikalen Folgen der Alterspyramide („Methusalem-Komplott“) ging, um das Genom, die Überführung von Günter Grass als einstiges Mitglied der Waffen-SS oder die Auflösung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft („Minimum“) – der „Dirty Harry des Feuilletons“ (Jakob Augstein) verstand es, Themen zuzuspitzen.

Angele umkreist den Charakter seines Objekts. „Sein Blick ist meist prüfend und leicht verächtlich“, schreibt er. „Sein Lachen wirkt kaum je herzlich, sondern meist schadenfreudig.“ Er sei trotz seiner dicklichen Erscheinung „eitel und frei von Selbstzweifeln“ gewesen. „Eine endzeitliche Stimmung schien sein Leben zu grundieren und ihn nicht zur Ruhe kommen zu lassen.“ Einem Freund habe er gesagt, dass er mit ihm sprechen müsse. Nicht mailen, denn er glaubte, im Netz überwacht zu werden. Deshalb sieht der Biograph in seinem Protagonisten einen, der „paranoid“ war.

Schirrmacher hätte sich für Schirrmacher interessiert

Angele beutet selbst Schirrmachers Mutter für seine Konstruktion aus. Er besucht sie in Wiesbaden, in dem Reihenhaus, in dem der Sohn heranwuchs und von dem er immer behauptet haben soll, es sei eine Jugendstilvilla gewesen. „Wissen Sie, Frank war nicht so ein Familienmensch“, habe sie ihm gesagt. Aber auch: „Der Frank war so ein verrückter Kerl.“ Das trägt Angeles These, Schirrmacher sei ein manischer Mensch gewesen. Er war wohl, so die Mutter, „überfordert“.

„Schirrmacher ist tot, und ich bin ihm nur flüchtig begegnet“, bekennt der aus Aarberg im Kanton Bern stammende Angele in seinem Buch. „Das mag mich in den Augen derer, die ihn gut gekannt haben, zum falschen Autor dieses Buchs machen.“ Aber er sei von ihm nicht traumatisiert worden. „Mein Schirrmacher ist eine Figur, für die sich Schirrmacher selbst sehr interessiert hätte“, meint er. 

Michael Angele: „Schirrmacher. Ein Porträt.“ Aufbau-Verlag, Berlin, 222 S., 20 €.