Hintergrund


Der Kanzler der Einheit ist tot

16 Juni 2017 | aktualisiert 16 Juni 2017

Er regierte länger als alle anderen Regierungschefs der Bundesrepublik, er war der Kanzler der Einheit. In den letzten Jahren plagten ihn gesundheitliche Probleme. Am Freitag ist Helmut Kohl in seinem Haus in Ludwigshafen im Alter von 87 Jahren gestorben.

Berlin. Kai Diekmann war einer der wenigen, die Zugang zum Altkanzler hatten und einer der ersten, die die Nachricht verbreiteten. Der ehemalige „Bild“-Chefredakteur war Trauzeuge, als Kohl ein zweites Mal heiratete. „Danke! Für die deutsche Einheit. Für Europa. Für so unglaublich viel mehr…(Helmut Kohl 1930-2017) - Ruhe in Frieden!“, schrieb Diekmann auf Twitter. Als „großen Deutschen“ und „großen Europäer“ würdigten Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Sigmar Gabriel den Verstorbenen.

Letzter Sieg vor Gericht

In den vergangenen Jahren war es ruhig geworden um Kohl. Letztmalig Schlagzeilen machte er, als ihm das Landgericht Köln im April eine Million Euro in einem jahrelangen Rechtsstreit mit seinem einstigen Biografen Heribert Schwan zusprach. Der hatte 2014 ein Buch mit unautorisierten und gegenüber Parteifreunden abschätzigen Zitaten Kohls veröffentlicht. Im vergangenen Jahr hatte Kohl Viktor Orban empfangen, den ungarischen Ministerpräsidenten.

Die letzten Jahre waren Jahre des Leidens für Kohl. Er saß im Rollstuhl, das Reden fiel ihm schwer. Anfang 2008 war Kohl in seinem Haus schwer gestürzt und hatte ein Schädelhirntrauma erlitten. Hüftleiden und eine Darmerkrankung zwangen ihn zu weiteren Klinikaufenthalten. Seine zweite Frau Maike war zur wichtigsten Stütze und zu seinem Sprachrohr geworden.

Das Verhältnis zu seiner Partei war schwierig. Exemplarisch waren die Beziehungen zu Kanzlerin Merkel und seinem langjährigen Weggefährten Wolfgang Schäuble. Merkel, unter Kohl Frauen- und Umweltministerin, war es, die im Zuge der Spendenaffäre die Partei zur Abnabelung von ihrem „alten Schlachtross“ drängte. Sie holte ihn gleichwohl in den Schoß der CDU zurück und ließ ihm Ehrungen für seine Verdienste angedeihen. Der Riss im Verhältnis zu Schäuble dagegen war bis zuletzt nicht gekittet.

Steile politische Karriere

Kohl kam am 3. April 1930 in Ludwigshafen zur Welt. Der Pfälzer studierte in Frankfurt am Main und Heidelberg Geschichte und Staatsrecht. Mit 17 Jahren trat er in die CDU ein und machte schnell Karriere. Mit 39 Jahren wurde Kohl Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, vier Jahre später stand er an der Spitze der CDU. Anfangs galt er als Reformer. Doch im Laufe der Jahre bildete sich das „System Kohl“ heraus, in dem Kritik wenig Platz hatte. 25 Jahre lang „regierte“ Kohl die Partei, einen Putschversuch überstand er 1989 knapp.

Der Weg an die Spitze der Regierung gelang erst im dritten Anlauf. 1976 scheiterte er an Helmut Schmidt von der SPD. 1980 musste er seinem Unions-internen Widersacher, CSU-Chef Franz Josef Strauß, bei der Kanzlerkandidatur den Vortritt lassen. 1982 erst wurde Kohl Kanzler, nachdem die FDP das Bündnis mit der SPD aufkündigte und Schmidt gestürzt wurde. Kohl blieb 16 Jahre Regierungschef.

Ehrenwort in Spendenaffäre

Kohls Leben ist auch die Geschichte einer Familientragödie. 41 Jahre war Kohl mit seiner Frau Hannelore verheiratet. Sie litt an einer Lichtallergie, 2001 nahm sie sich das Leben. Zwar fand er vier Jahre später mit der 34 Jahre jüngeren Volkswirtin Maike Richter neues privates Glück. 2008 heirateten beide. Doch darüber zerbrach das Verhältnis zu seinen Söhnen Walter und Peter. Beide beklagten die Vereinnahmung ihres Vaters durch die Stiefmutter, was diese bestreitet.

Die CDU-Spendenaffäre lag bis zuletzt wie ein schwarzer Schatten auf Kohls Lebenswerk. Von 1993 bis 1998 hatte Kohl illegale Barspenden in Höhe von 2,1 Millionen Mark angenommen. Er weigerte sich, die Spendernamen zu nennen und stellte sein Ehrenwort gegenüber den Geldgebern über das Gesetz. Die Namen nimmt Kohl nun mit ins Grab.