Hintergrund


Der Wunderheiler ist tot

12 Oktober 2017 | aktualisiert 12 Oktober 2017

In den 90er Jahren gab es in Russland zahllose Wunderheiler, die immer in „Zeiten der Wirren“ auftauchen. Der „Fernsehheiler“ Alan Tschumak war einer der bekanntesten. Seine Wunderwasser heilten viele Zuschauer. Jetzt ist er gestorben.

Moskau. „Fernsehheiler“ Alan Tschumak ist am Donnerstag auf dem neuen Moskauer Prominentenfriedhof Trojekurowskoje beigesetzt worden. Er starb im Alter von 82 Jahren. Mit ihm ging eine merkwürdige Epoche zu Ende. In den 90er Jahren verunsicherten zahllose Wunderheiler, Zauberer und „weiße“ Hexen das brodelnde Land.

Tschumak war einer der bekanntesten unter ihnen. Er trat in Klubhäusern und Stadien, vor allem aber im Fernsehen auf. Man brauchte nur ein mit Leitungswasser gefülltes Glas vor den Bildschirm hinzustellen, und Tschumak „lud es mit Bioenergie“ auf. Es half angeblich gegen alle Gebrechen - von Kopfschmerzen bis hin zum Krebs.

Aufgeladenes Wasser und Salben

Das „geladene“ Wasser wurde in Flaschen abgefüllt und in Getränkeläden angeboten. Angeblich blieben die sonst unvermeidlichen Entzugserscheinungen aus, wenn man es nach übermäßigem Alkoholgenuss trank. Als Moskau von seinen Aktivitäten erfasst war, tingelte Tschumak durch die russische Provinz. Nach seinen öffentlichen Auftritten bot er auch Videokassetten an, die man ebenfalls zum Aufladen von Trinkwasser, Salben und Cremen verwenden konnte.

Leider hielt die heilende Wirkung längstens ein halbes Jahr. Danach musste man sich eine frische Kassette kaufen. Seine Kunden bestätigten nicht nur das Nachlassen von Schmerzen. Tatsächlich verschwanden Hautausschlag und rote Flecken. Offenbar wirkte die Selbstüberzeugung Wunder. 

Vom Sportjournalisten zum Wunderheiler

Tschumak hatte die zentrale sowjetische Sporthochschule als Trainer für Radsport absolviert, wurde später Sportjournalist. Einmal musste er nach eigenen Worten eine Serie von Berichten über Menschen recherchieren, die mit Wunderkräften ausgestattet waren. Eigentlich ging er mit der voreingenommenen Meinung ans Werk, dass es sich bei ihnen um lauter Scharlatane handelte. Aber schon der erste Zauberer, über den er schreiben wollte, habe ihm gesagt: „Sie besitzen ja selbst ein sehr starkes Biofeld“. Dann stellte er fest, dass er Freunde durch einfaches Handauflegen von Kopfschmerzen befreien konnte. Später hörte er „Stimmen“ in seinem Sinn, die ihm weitere Hinweise für den Zaubererberuf gaben. Er schrieb diese „Vorlesungen“ auf und entwickelte daraus eine eigene Methodik.

Foto hilft gegen Hämorrhoiden

Auf der Bühne trat Tschumak vor das Publikum und trennte den Raum vor ihm in zwei Hälften. Die „böse“ Energie schob er mit der Hand nach links und konzentrierte sich auf das „Gute“, das er seinen Zuschauern zuschob. Diese Handlung wurde mehrfach wiederholt, ohne dass dadurch eine sicht- oder spürbare Wirkung eintrat. Eines Tages druckte das Lokalblatt „Moskauer Abendzeitung“ auf ihrer letzten Seite Tschumaks Bild ab. Man könne es zum Aufladen von Wasser verwenden oder direkt an die wunde Stelle halten, hieß es dazu.

Positive Leserkommentare wurden abgeduckt, andere an einer Tafel im Treppenhaus der Redaktion mit Nadeln befestigt. Die meisten sahen darin eine bezahlte Werbung des Wunderheilers. Eine Leserin bedankte sich dagegen überschwänglich bei Tschumak. „Seit ich mich mit Ihren Fotos aus der Zeitung abwische, sind meine Hämorrhoiden weggegangen“, schrieb sie.

Viele kamen zum Friedhof

Zuschauer, aber auch Fernsehmoderatoren trauern dem Wunderheiler heute noch nach. Viele von ihnen kamen zum Friedhof, um von ihm Abschied zu nehmen. Tschumak hatte vor seinem Ableben zahlreiche Heilvideos aufnehmen lassen. Leider halten sie aber nur begrenzte Zeit. Er selbst hatte die Wirkungsdauer auf sechs Monate festgelegt.