Hintergrund


Erfolgsbuch thematisiert Polizeigewalt

27 Juli 2017 | aktualisiert 28 Juli 2017

Angie Thomas ist mit Drogenkriminalität und Gewalt aufgewachsen. Nun hat die Afroamerikanerin ein Buch über Polizeigewalt in den USA vorgelegt und ist auf der Bücherliste der „New York Times“ auf Platz eins gelandet.

New York. Als Angie Thomas 15 war, so alt wie Starr, die Hauptfigur ihres Debutromans „The Hate U Give“, hat sie sich oft in Harry Potter-Geschichten vertieft, um die Realität vor ihrer Haustür zu vergessen. „Wenn ich gelesen habe“, sagt die heute 29-Jährige aus Mississippi, „dann habe ich die Schüsse nicht mehr gehört.“

Sich selber erkennen

Die Literatur als Flucht vor der Wirklichkeit in einer armen schwarzen Wohngegend im amerikanischen Süden hat Angie Thomas in einem gewissen Alter einen guten Dienst erwiesen. Später, als Studentin, fragte sie sich jedoch zunehmend, warum es keine Literatur gab, die ihre Wirklichkeit abbildete. „Ich habe mich immer mehr in Hip Hop-Texten wiedererkannt, als in Büchern.“

Thomas machte es sich fortan zur Aufgabe, die Lücke zu füllen und etwas zu schreiben, in dem sich schwarze Jugendliche in Amerika wiedererkennen. Das Ergebnis lässt jedoch die Genrebezeichnung „Literatur für junge Erwachsene“ aus allen Nähten platzen. Kritiker haben „The Hate U Give“ als bestimmendes literarisches Werk unserer Zeit bezeichnet. 

Zwei Lebenswelten

Die Hauptfigur Starr hat viel mit Angie gemein. Sie muss zwei Lebenswelten jonglieren – das schwarze Ghetto, in dem sie lebt, und die wohlhabende vornehmlich weiße Eliteschule, die sie gemeinsam mit ihrem weißen Freund besucht. Das Doppelleben verlangt ein ständiges Wechseln von Masken und sozialen Codes. Als nach einer Party in ihrem Wohngebiet ein Kindheitsfreund von einem Polizisten erschossen wird, drohen Starrs Welten dann unversöhnlich auseinander zu brechen.

Angie Thomas hat es mit ihrem Buch hingegen geschafft, Brücken zu schlagen. „The Hate U Give“ steht auf den Verkaufslisten ganz oben, die Kritik überschlägt sich mit Lob. Das Buch wird von ganz Amerika gelesen, weiß, schwarz, alt, jung, arm, reich. Thomas hat dem Erleben schwarzer Jugendlicher im Zeitalter der Black Lives Matter Bewegung eine eindringliche Stimme verliehen.

Den Erfolg hat Angie Thomas nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass sie keine literarischen Vorbilder hatte. Ihr Erzählrhythmus folgt eher dem Hip Hop ihres Idols Tupac Shakur als ihren Mitbewerberinnen auf dem Markt der Teenie-Literatur. Ihr Tonfall ist frisch, kompromisslos und authentisch. „Wenn ich Tupac höre“, sagt sie, „dann kann ich in einem Augenblick lachen, im nächsten weinen und verfalle kurz danach in tiefe Nachdenklichkeit.“ Denselben Effekt hat ihre Prosa.

Großverlage entdecken den Süden

Ganz nebenbei hat Thomas mit ihrem Erfolg im amerikanischen Buchgeschäft Türen aufgestoßen. Bei den New Yorker Großverlagen dachte man bislang nicht, dass junge Schwarze aus dem Süden lesen oder schreiben. Beides hat Thomas widerlegt. So werden 15 Jahre alte Mädchen in Birmingham oder in Jackson in Zukunft anderes zur Hand haben als Harry Potter, wenn sie darum ringen, die Welt vor ihrer Tür zu verstehen. Und ganz sicher ist unter ihnen jemand, der sich, wie Thomas, traut, die Stimme zu erheben und seine Geschichte zu erzählen. Amerika ist jedenfalls endlich bereit, zuzuhören.