Hintergrund


Hunderttausende fordern Vernunft

Heinz Krieger
08 Oktober 2017 | aktualisiert 09 Oktober 2017

In Barcelona haben hunderttausende Katalanen und Bürger aus anderen Teilen Spaniens für die Einheit des Landes demonstriert. Literatur-Nobelpreisträger Vargas Llosa forderte in einer flammenden Rede die Rückkehr zur Legalität

Valencia. Die Demonstranten stellten eine politisch ungewöhnliche Forderung auf: „Recuperam el seny – Lasst uns den gesunden Menschenverstand wiederherstellen“. Auch mit „Vernunft“ lässt sich „seny“ übersetzen. Hunderttausende waren am Sonntagmittag ins Zentrum von Barcelona gekommen, um unter ein Meer rot-gelb-roter spanischer Fahnen, aber auch der gestreiften katalanischen mit dem Stern und Europa-Flaggen für die Einheit Spaniens und gegen die Unabhängigkeit einer Republik Katalonien zu demonstrieren. Es waren Katalanen, aber auch aus anderen Teilen Spaniens angereiste Teilnehmer. 

Unabhängigkeit am Dienstag? 

Es waren viel mehr, als die Veranstalter erwartet hatten. Die Societat Civil de Cataluña, die Zivilgesellschaft Kataloniens, sprach von 950.000 Teilnehmern, aber auch neutralere Schätzungen gingen von mehr als einer halben Million aus. Tags zuvor hatten schon 50.000 in Madrid und zehntausende in anderen Orten Spaniens für die Einheit demonstriert. Andere waren am Samstag ganz in Weiß aufmarschiert und verlangten sofortige Verhandlungen zwischen Madrid und Barcelona. Dort will der amtierende Ministerpräsident Carles Puigdemont am Dienstagnachmittag im Regionalparlament sprechen. Er könnte dabei die unabhängige Republik Katalonien ausrufen.  

Vargas Llosa beschwört die Freiheit 

Höhepunkt der Veranstaltung war eine achtminütige Rede des Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Der Peruaner hat seit 1993 auch die spanische Staatsangehörigkeit. Er stellte die Freiheit und die Verfassungsmässigkeit in den Mittelpunkt seiner auf Spanisch gehaltenen Rede. Vargas erinnerte daran, dass er zu Ende der Franco-Diktatur nach Barcelona gekommen sei und die Wende zur Demokratie mitgemacht habe. Barcelona sei damals weiter gewesen als Spanien, europäischer, der Freiheit zugewandt, auch in der Kultur. Dann forderte er die Menschen auf, sich nicht von den Separatisten, die eine Trennung von Spanien fordern, in die Rechtlosigkeit irreführen zu lassen. Katalonien sei immer Teil Spaniens gewesen, Man könne 500 Jahre gemeinsame Geschichte“ nicht wegreden. Ein unabhängiges Katalonien würde auf den Stand eines „Landes der dritten Welt“ zurückgeworfen, stattdessen sollte es wieder Zentrum der Kultur, der Freiheit und auch wieder der Wirtschaftsmotor Spaniens werden. 

Nach Vargas sprach Josep Borell, ein führender Kopf der spanischen sozialistischen Partei und ehemaliger Präsident des Europaparlaments. Auch er forderte die Rückkehr zur Verfassungsmässigkeit in Barcelona. Politiker der so genannten Verfassungsparteien, neben den Sozialisten (PSOE) Borells, auch die in Madrid regierende konservative Volkspartei PP und die liberale Partei Ciudadanos waren auf dem Podium zugegen. Deren Chef Albert Rivera sprach sich am Rand der mehrstündigen Kundgebung erneut dafür aus, dass die Regierung den Artikel 155 der spanischen Verfassung anwendet. Der sieht eine vorübergehende Aufhebung der Autonomie Kataloniens, Absetzung der Regionalregierung und Auflösung des Parlaments und dann die Direktverwaltung durch die Zentralregierung vor. Rivera forderte das, damit Neuwahlen in Katalonien abgehalten werden können. 

Rajoy denkt jetzt an Direktregierung 

Erstmals wies Ministerpräsident Mariano Rajoy, der sich gegen dieses Drängen Riveras bisher immer gesperrt hatte, in einem Interview mit der Tageszeitung El País, diese Überlegung nicht mehr zurück. „Die Regierung wird verhindern, dass irgendeine Unabhängigkeitserklärung vollzogen wird“, sagte er. Und er schloss nicht mehr aus, dass dann der Artikel 155 zur Anwendung kommen könne. Oppositionsführer Pedro Sanchez (PSOE) setzt dagegen auf Dialog und Vermittlung. Dagegen sprach sich Felipe Gonzalez vehement aus. Der frühere PSOE-Chef und Ministerpräsident Spaniens von 1982 bis 1996 sagte bei einem Besuch in Berlin: „Ich sehe nicht einen einzigen Grund dafür.“ Auch er ist für die Anwendung von 155, das hätte man schon viel früher tun müssen.