Hintergrund


Land der gläsernen Gehälter

11 August 2017 | aktualisiert 11 August 2017

In Schweden sind private Gehälter, Kapitaleinnahmen und Schuldeneinträge öffentlich einsehbar. Die Bürger haben Vertrauen in das System. Es soll helfen, gesellschaftliche Missstände aufdecken. Manchmal dient es auch nur der Neugier des Nachbarn.

Stockholm. Während im deutschsprachigen Raum die Heimlichtuerei um Einkommen von Privatpersonen groß ist, sind in Schweden all diese Daten und noch viel mehr öffentlich einsehbar. Wer etwa wissen möchte, welche steuerpflichtigen Einkommen der Nachbar oder Chef im letzten Jahr aus Arbeit und Kapital hatte, kann dies einfach im jährlich erscheinenden Steuerkalender nachschauen.

Der ist mehrere Telefonbücher dick. Einzelteile können aber nach Wohnorten bestellt werden. Da sind alle erwachsenen Bürger Schwedens namentlich mit Geburtsdatum aufgelistet. Nicht aufgelistet wird nur, woher genau die Einkünfte aus Arbeit und Kapital stammen.

Einfach beim Finanzamt fragen

Alternativ können Neugierige direkt beim Finanzamt nachfragen oder einen der zahlreichen privaten Internetdienste nutzen, die diese öffentlichen amtlichen Informationen gegen eine Gebühr übersichtlich aufarbeiten. Diese Dienste bieten oft noch zusätzliche Informationen an, wie eine Übersicht zu Schulden und Vorstrafen.

Schwedens Zeitungen veröffentlichen jährlich die Gehälter und Vermögen der Prominenten und Reichsten des Landes in Listen. Denn mit ein paar Klicks im Internet lässt sich ermitteln, was etwa Abba-Frontmann Benny Andersson oder Ministerpräsident Stefan Löfven im Jahr 2016 verdient haben. Einige Lokalzeitungen veröffentlichen sogar Listen der zehn reichsten Personen in einem Ort.

Mehr als Neugier

Was nach dem zweifelhaften Bedienen von Neugier und Neidgefühlen aussieht, hat aber auch tiefere gesellschaftliche Funktionen. Viele Skandale von Korruption und Vetternwirtschaft wurden dank des Öffentlichkeitsprinzips enthüllt. So konnten Stockholmer in der Zeitung „Dagens Nyheter“ vor Jahren die Einkünfte ihrer Ärzte einsehen. In dem Artikel wurde die Privatisierung der einst staatlichen Allgemeinarztpraxen kritisch beleuchtet.

Prominente und Besserverdiener müssen um ihren Ruf fürchten, wenn ihr versteuertes Einkommen in Schweden wegen Steuertricks auffällig gering ist. Die Transparenz soll so auch zu höherer Steuermoral beitragen.

Auch können Arbeitnehmer etwa bei Gehaltsverhandlungen daraus Vorteile ziehen. Denn sie können nachschauen, was vergleichbare Kollegen in der eigenen Abteilung oder bei der Konkurrenz verdienen. So werden etwa die auch in Schweden noch existierenden Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen an jeweiligen Arbeitsplätzen enthüllt. Klauseln in Arbeitsverträgen, die ein Stillschweigen zum eigenen Gehalt gegenüber Dritten auferlegen, wären in Schweden undenkbar.

Alte Regelung

Bereits im 18. Jahrhundert beschlossen König und Reichstag, dass grundsätzlich alle Verwaltungsakte im Lande öffentlich sein sollten, wenn nicht ausdrücklich das Gegenteil angeordnet wird. Damit sollten die Bürger einen kontrollierenden Einblick in die Arbeit des Staates erhalten. Das sollte das Vertrauen in den Staat stärken. Später hat auch der sozialdemokratisch geprägte Wohlfahrtsstaat mit hohen Steuerquoten davon profitiert. Wer hohe Steuern zahlt, möchte auch konkret sehen, dass die anderen das auch tun. Die dominierende Rolle des umverteilenden Staates in Schweden erhielt durch die Transparenz eine höhere Akzeptanz im Volke.

In Deutschland ist man einen anderen Weg gegangen und wird diesen auch nicht so schnell verlassen. „Weder bei uns noch in der Bevölkerung oder in den großen Parteien gibt es derzeit Unterstützung, solche Daten von Privatpersonen zu veröffentlichen“, sagt etwa Isabel Klocke vom deutschen Bund der Steuerzahler. „Denn die Steuererklärungen mit Angaben etwa zu Ehepartnern, Kindern, Unterhaltszahlungen geben sehr sensible Auskünfte über die Lebensverhältnisse von Privatpersonen preis“, sagt sie.