Hintergrund


Lufthansa gewinnt Kampf um Air Berlin

Ulrich Glauber
12 Oktober 2017 | aktualisiert 12 Oktober 2017

Die Lufthansa wird große Teile von Air Berlin übernehmen. Lufthansa-Chef Spohr will dafür 1,5 Milliarden Euro investieren und bis zu 3000 Mitarbeiter in die Tochtergesellschaft Eurowings übernehmen. Nun sind die Wettbewerbshüter gefragt.

Frankfurt. Für Lufthansa-Chef Carsten Spohr ist es „ein echter Meilenstein“, auch wenn es hier wohl eher um Flugmeilen geht. Die Fluglinie mit dem Kranich-Symbol, die 1926 in Berlin gegründet worden war, sei nun „endgültig wieder zum Heimatcarrier“ für die deutsche Hauptstadt geworden, schwärmt Spohr.

Anlass für die gewichtigen Worte des Chefs der Lufthanseaten war eine Vertragsunterzeichnung. Damit sichert sich die größte Airline Deutschlands zwei Monate nach der Pleite der Air Berlin große Teile der Substanz des früheren Branchenzweiten der Bundesrepublik. Flüge unter dem Code AB werden spätestens ab dem 28. Oktober nicht mehr gestartet, Tickets für spätere Flüge verlieren ihre Gültigkeit.

Übernahme von 81 Maschinen

Voraussichtlich bis Jahresende gehen gemäß diesem Deal 81 der zuletzt gut 130 Flugzeuge der Air-Berlin-Flotte an die Lufthansa-Billigfluglinie Eurowings. Inbegriffen sind dabei 43 Maschinen der beiden Air Berlin-Töchter Niki und LG Walter, die nicht insolvent waren. Investitionen von 1,5 Milliarden Euro (1,73 Milliarden Franken) sollen es nach Spohrs Worten ermöglichen, bis zu 3000 Air-Berlin-Mitarbeiter in der Billigtochter Eurowings aufzunehmen. Der Lufthansa-Chef sprach von Kapitalaufwendungen in Höhe von einer halben Million Euro pro Arbeitsplatz.  Konkurrenten, die mangelnden Wettbewerb im Bieterverfahren kritisiert hätten, hätten nicht annähernd so viel Geld in die Hand nehmen wollen.

„Europa braucht starke Player“

Wettbewerbsprobleme durch die Teilübernahme sieht Spohr nicht. „Die Lufthansa Gruppe gehört zu den weltweit größten Playern der Airline-Industrie und hat dennoch nur drei Prozent Weltmarktanteil“, sagte der Airline-Chef am Donnerstag im Interview mit der Düsseldorfer Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“. „Wenn ein Marktführer nur auf drei Prozent Marktanteil kommt, kann man nicht von Marktdominanz sprechen.“

Spohr erinnerte daran, dass es in China, den USA und am Persischen Golf jeweils drei starke Anbieter gebe. „Wir brauchen auch drei starke Europäer“, unterstrich er und fügte hinzu: „Wenn Sie uns mit anderen Branchen vergleichen, werden Sie feststellen, dass der Wettbewerb unter den Airlines einer der härtesten überhaupt ist.“ Lufthansa gehe davon aus, „dass die Kartellbehörden in den kommenden Wochen und Monaten die Übernahme mindestens unter europäischen Wettbewerbsgesichtspunkten betrachten und die Prüfung nicht auf den deutschen Markt beschränken werden.“ Im Gegenteil deutete Spohr Überlegungen an, beim Zustandekommen einer Restrukturierung der Alitalia auch bei der italienischen Fluglinie einzusteigen.

Warten auf die Kartellwächter

Juristen sind laut Medienberichten allerdings skeptisch, ob die Kartellbehörden den Deal tatsächlich so reibungslos durchwinken. Zumindest auf bestimmten Strecken wie etwa Mallorca-Flügen könnte Lufthansa nach dieser Lesart Zugeständnis etwa durch die Abgabe von Start- und Landerechten machen müssen. Solche „Slots“ sind auf Flughäfen wie Frankfurt, Hamburg, München, Wien oder Zürich rar und deshalb heiß begehrt. Preiserhöhungen wollte Spohr im Handelsblatt nicht ausschließen.

Dass Fluggesellschaften beim gegenwärtigen Einnahmenniveau häufig nicht überleben könnten, haben die vergangenen Wochen deutlich gezeigt. Experten gehen davon aus, dass vor allem Ferienflüge teurer werden könnten. Mittelfristig sei auf diesem Gebiet allerdings für genügend Kapazität durch eine ganze Reihe von Anbietern gesorgt. 

Kasten

Ende eines Höhenflugs

Mit der Insolvenz der 1978 gegründeten Air Berlin geht der beispiellose Höhenflug einer Fluggesellschaft zu Ende, deren Motor wegen Übergewicht zunehmend ins Stottern kam, bis der Absturz unvermeidlich war. Der heute 67-jährige Unternehmer Joachim Hunold flog mit der Gesellschaft 1978 gemeinsam mit dem US-Amerikaner Kim Lundgren zunächst mit seinem „Mallorca-Shuttle“ ausschließlich südliche Urlaubsziele an. Das Chartergeschäft glich einer Lizenz zum Gelddrucken. Spätestens nach dem Börsengang im Jahr 2006 entstand jedoch ein Konglomerat, dessen Geschäftsmodell schwer beherrschbar ist. Air Berlin bedient Kurz-, Mittel- und Langstrecke, transportiert Urlauber gleichermaßen wie Geschäftsreisende.

2011 tritt Hunold auf Druck der Aktionäre als CEO zurück, ohne dass seine Nachfolger das Unternehmen ausreichend von Ballast befreien können. Die Verzögerungen bei der Eröffnung des Berliner Flughafens BER bedeuten zusätzliche Kosten. Auch der Einstieg der Etihad bessert nichts. Als Ausgleich für die nötigen Kapitalspritzen verlangen die Araber Zubringerdienste der Air Berlin nach Abu Dhabi, was die Sanierung zusätzlich verkompliziert. Als sich die Schulden auf rund 1,2 Milliarden Euro belaufen, verliert auch Etihad die Geduld und Air Berlin meldet im August Insolvenz an.

Air Berlin selbst hatte zuletzt von guten Chancen gesprochen, dass etwa 80 Prozent der 8000 Mitarbeiter bei anderen Unternehmen eine neue Arbeitsstelle finden könnten.