Hintergrund


Musik verändert die Wahrnehmung

12 Oktober 2017 | aktualisiert 13 Oktober 2017

Musik berührt nicht nur die menschliche Seele, sondern sie verändert auch die Wahrnehmung bei Berührung. Welche Veränderungen dabei stattfinden untersuchten jetzt Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Leipzig.

„Die Musik spricht für sich allein. Vorausgesetzt, wir geben ihr eine Chance“, hat einst Yehudi Menuhin gesagt. Der legendäre Geiger hoffte, dass Musik die Menschheit besser macht. Dabei begleitet die Musik den Menschen schon sehr lange, manche Funde von Knochenflöten sind älter als 30.000 Jahre.

Kontakt anders empfinden

Damals wurde jedoch nicht eine Unterteilung in Musiker und passive Zuhörer gemacht, dies ist eine vergleichsweise neue Entwicklung, Musik diente in Verbindung mit Tanz eher dem Zusammengehörigkeitsgefühl von Stammesgruppen. Heutzutage hat die Musik eine andere Aufgabe: Sie berührt uns emotional, kann Stimmungen verändern und Gefühle verstärken. Dass sie auch unsere Wahrnehmung von körperlichem Kontakt verändert, haben jetzt Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig in einer aktuellen Studie herausgefunden. Die verblüffende Feststellung: Offenbar berührt Musik nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinne.

Streicheleinheiten vom Roboter

In ihrem Experiment streckten die Versuchsteilnehmer ihren Unterarm durch einen Vorhang. Dahinter befand sich ein Roboter mit einem Pinsel, der mit immer gleichbleibenden Bewegungen den Unterarm streichelte. Gleichzeitig hörten die Teilnehmer verschiedene Musikstücke, die sie im Anschluss auf einer Skala von „überhaupt nicht sexy“ bis „extrem sexy“ bewerten sollten.

Das Forscherteam um Tom Fritz fand heraus, dass die Streicheleinheiten des Roboters anders wahrgenommen wurden, je nachdem, welche Musik gerade gespielt wurde. Je verzaubernder die Probanden die Musik empfanden, desto sinnlicher und verführerischer erschien ihnen auch die Berührung. Dieser Effekt trat auch ein, als die Versuchsteilnehmer die Information bekamen, dass sie von einem Roboter gestreichelt wurden. Es bedurfte also nicht einmal der Vorstellung, von einem anderen Menschen gestreichelt zu werden, der in diesem Moment dieselbe Musik hört.

Musik beeinflusst sensorische Wahrnehmung

„Musik scheint unsere Wahrnehmung von Berührung zu verändern, bestimmte Merkmale scheinen von der Musik auf die Berührung übertragen zu werden“, sagt Fritz. Eine mögliche Erklärung wäre, dass der emotionale Ausdruck einzelner musikalischer Klänge der gleichen Dynamik folgt wie der emotionale Ausdruck von Berührung. Traurige Musik wird in denselben Bereichen im Gehirn verarbeitet, wie eine traurige Berührung. Aggressive Musik belebt in uns den Bewegungsdrang, beim Autofahren werden wir beispielsweise dazu verleitet, mehr Gas zu geben.

Musik beeinflusst Farbwahl

Dies liegt daran, dass bei der Verarbeitung von Musik, Hirnareale einsetzten, die sich sowohl auf Berührung als auch auf Bewegung beziehen. Diese sogenannten Übertragungseffekte, bei denen die sensorische Wahrnehmung in Abhängigkeit von der umgebenden Musik variiert, werden immer wieder beobachtet. Selbst die Auswahl von Farben wird durch Musik beeinflusst. So zeigen wir beispielsweise eine Vorliebe für kräftige, lebendigere Farben, je lauter die Musik ist, die uns umgibt.

Wir können also unser Denken und Handeln beeinflussen, je nachdem welche Musik wir hören. Mit der richtigen Auswahl lassen sich somit positive Gefühle auslösen und der Tag wird verschönert. Eine große Möglichkeit, auch als passiver Zuhörer Selbstbehandlung zu betreiben und mit dem richtigen Song eine positive Emotion zu verstärken oder ein negatives Gefühl besser zu verarbeiten.