Hintergrund


Nach der Pensionierung ins Gefängnis

06 Dezember 2017 | aktualisiert 07 Dezember 2017

In Japan werden immer mehr alte Menschen kriminell. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 20 Prozent aller Verbrechen von Rentnern begangen. Laut eines neuen Regierungsberichts treiben vor allem Armut und Einsamkeit die Senioren in die Kriminalität.

Tokio. Japan ist eines der sichersten Länder der Welt. Kaum irgendwo ist die Kriminalitätsrate so gering wie hier. Im vergangenen Jahr erreichte die Zahl der Verbrechen gar ein historisches Nachkriegstief. Das berichtete das Justizministerium kürzlich in seinem jährlich erscheinenden Kriminalitätsweißbuch. Doch etwas mehr als 20 Prozent aller Kriminellen waren Rentner über 65. Insgesamt wurden 46.977 Senioren im vergangenen Jahr verhaftet.

Diebstähle überwiegen

So viele kriminelle Alte gab es noch nie in der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt. Vor 20 Jahren waren nur knapp 4 Prozent aller Straftäter im Rentenalter. Die kriminellen Senioren gehören zu den negativen Nebeneffekten des rapiden Bevölkerungswandels in der am schnellsten alternden Gesellschaft der Welt, in der bereits heute fast ein Drittel der Bevölkerung im Rentenalter ist.

Während Verbrechen in den meisten anderen Altersgruppen rückläufig waren, steigt die Kriminalität bei den über 65-Jährigen seit Jahren kontinuierlich an. Schwerverbrecher finden sich allerdings eher selten in der Rentnergruppe. Gut 70 Prozent der Seniorenverbrechen sind Diebstähle. Nur 10 Prozent begingen Gewaltverbrechen.

Gefängnisse nur von Senioren

Knapp 2500 Senioren fristeten im vergangenen Jahr ihren Lebensabend in Gefängnissen. In einigen Städten gibt es gar spezielle Senioren-Haftanstalten, die auf den ersten Blick eher wie Pflegeheime als wie Gefängnisse anmuten. Wegen der stetig steigenden Zahl betagter Insassen hat die Regierung in diesem Jahr beschlossen, künftig landesweit die Hälfte ihrer Gefängnisse mit Pflegepersonal auszurüsten.

In keiner Altersgruppe gab es darüber hinaus eine höhere Rückfallquote. Beinahe jeder vierte Rentner wird rückfällig und landet innerhalb von zwei Jahren nach seiner Freilassung erneut hinter Gittern.

Armut und Vereinsamung

Als Gründe für die steigende Kriminalität unter Senioren machte das Justizministerium vor allem Armut und soziale Vereinsamung aus. In Umfragen gaben betagte Gefängnisinsassen immer wieder an, sie hätten ihre Verbrechen absichtlich begangen, um ins Gefängnis zu kommen, damit sie ihrer Einsamkeit und ihrer materiellen Armut entfliehen können.

Das Ministerium fordert nun angesichts der alarmierend hohen Rückfälligkeitsrate mehr Maßnahmen, um Ex-Häftlinge besser wieder in die Gesellschaft zu integrieren. In Städten wie dem westjapanischen Akashi kooperieren die Gefängnisse mittlerweile eng mit Altenheimen und Sozialdiensten, die sich nach der Entlassung um die betagten Ex-Straftäter kümmern sollen, damit sie nicht zurück in ihr einsames und oft sehr ärmliches Leben zurück müssen.

Erst vor wenigen Wochen hatte der Fall eines 74-jährigen Serieneinbrechers landesweit Schlagzeilen gemacht. Der betagte „Ninja“, wie er wegen seiner schwarzen Arbeitskleidung in Polizeikreisen genannt wurde, hatte die Polizei acht Jahre lang in Schach gehalten und soll für insgesamt rund 200 nächtliche Einbrüche verantwortlich sein.