Hintergrund


Ohne Geld die Welt bereisen

11 Februar 2018 | aktualisiert 12 Februar 2018

Ein junges Paar reist derzeit in Neuseeland ohne Geld. Die junge Deutsche und der Australier holen Essen aus Mülltonnen und verlassen sich auf Wohltätigkeiten. Ein Zeitungsartikel hat eine Netz-Kampagne ausgelöst, mit der sie nicht gerechnet hatten.

Sydney. Die Neuseeländer sind ein freundliches Volk, so liest man in jedem Reiseführer und in vielen Artikeln. Die 25-jährige Deutsche Anna Karg und ihr gleichaltriger Freund Enoch Orious, der in Australien geboren ist, aber in Neuseeland lebt, können dies eigentlich bestätigen. Zwei Wochen waren sie von Auckland aus bereits im Land unterwegs und hatten es tatsächlich geschafft, völlig ohne Geld auszukommen. 

„Viel Liebe auf der Welt“

Sie handelten, suchten nach Essbarem im Müll und verließen sich auf Wohltätigkeitsorganisationen und die Freundlichkeit und Großzügigkeit von Fremden. Ihre Reise begleiteten die beiden jungen Leute auf sozialen Medien, wo sie Fotos des Essens und von ihrer Reise posteten.

„Wir wollen einfach nicht mehr Teil dieses ständigen Konkurrenzkampfes sein“, sagten die beiden dem lokalen Medium Stuff, das über ihr Projekt berichtete. „Wir wissen, dass wir ohne Geld leben können – jetzt wollen wir sehen, ob wir ohne Geld auch reisen können.“ Es gehe darum, „den Menschen zu zeigen, wie viel Liebe es auf der Welt gibt“.

„Shitstorm“ im Netz

Im Rahmen ihres Experiments aßen die beiden jungen Leute jedoch auch in einer Suppenküche, die für arme und obdachlose Menschen in Neuseelands Hauptstadt Wellington gedacht ist. Als die Lokalzeitung dies ebenfalls öffentlich machte und einen Gemeindemitarbeiter zitierte, den die Aktion der Urlauber verärgerte, sahen sich die beiden einer extrem negativen Reaktion im Netz ausgesetzt, darunter zahlreiche Beschimpfungen und Drohungen.

Andere versuchten aber auch konstruktive Kritik zu geben. „Ich respektiere, dass Sie an die Liebe glauben“, schrieb ein Internetnutzer beispielsweise. Aber: „Die Prämisse Ihrer gegenwärtigen Existenz hängt von der Nächstenliebe anderer ab: Entweder durch die Steuern, die andere zahlen, um die Dienste zu erbringen, oder von der Wohltätigkeit anderer.“ In vielen anderen Ländern auf der Welt würde dies nicht funktionieren. „Andere könnten niemals von der Art von Privilegien träumen, die ihr beiden habt.“ Andere gingen weiter: „Sie nutzen, wofür andere Leute hart gearbeitet haben.“

Das Leiden der Gesellschaft

Anna Karg und Enoch Orious reagierten zunächst mit einer Facebook-Nachricht auf den Sturm, der im Netz gegen sie losbrach. Später löschten sie jedoch ihr Facebook-Konto völlig und reagierten auch nicht mehr auf die Anfrage eines Interviews.

Enoch sei in Australien geboren und habe die meiste Zeit seines Lebens in Neuseeland gelebt und dort über zehn Jahre gearbeitet, erklärten die beiden in ihrer inzwischen gelöschten Nachricht an die Neuseeländer. Auch Anna habe bereits mehrere tausend Euro im Land ausgegeben, als sie vor ein paar Jahren zum ersten Mal in Neuseeland gewesen sei. „Außerdem haben wir beide heute angefangen, im Free-Store zu arbeiten und sind dabei, noch mehr Wohltätigkeitsarbeit in Wellington und hoffentlich an vielen anderen Orten in Neuseeland zu leisten.“ 

„Wir sind alle nur Puppen“ 

Die Menschen sollten erkennen, dass sie nicht der Grund für das Leiden in der Gesellschaft seien. „Wir sind alle nur Puppen in diesem Spiel.“ Das System wolle, dass die Menschen untereinander kämpften, damit niemand Zeit habe, über das System selbst nachzudenken. „Wenn ihr wirklich wütend auf jemanden sein wollt, gebt uns nicht die Schuld - beschuldigt das System“, schrieben sie weiter. „Aber denkt daran: Hass kann niemals mit mehr Hass bekämpft werden.“ Am Ende sandten sie noch einen Appell: „Öffnet Eure Herzen und zeigt etwas Liebe, wenn es nicht für uns ist, dann für die Menschen in Not und fangt an, euch freiwillig zu engagieren oder Zeit mit Leuten auf der Straße zu verbringen.“

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Ursprünglicher Artikel:

Ursprüngliche Facebook-Seite, jetzt gelöscht: