Hintergrund


Putin zögert Auseinandersetzung mit IOC hinaus

06 Dezember 2017 | aktualisiert 06 Dezember 2017

Der Kreml lässt sich Zeit mit seiner Reaktion auf den Ausschluss von den Olympischen Winterspielen 2018. Überraschend sagte Putins Sprecher Peskow die für Mittwoch erwartete Antwort des Präsidenten ab.

Moskau. Die Entscheidung des IOC, Russland als Land von den Olympischen Winterspielen in Pjöngjang auszuschließen und nur „saubere“ Athleten unter der Olympischen Flagge zuzulassen, hat in Moskau wie eine Bombe eingeschlagen, obwohl sie alles andere als unerwartet kam. Alles wartete auf die Reaktion des Präsidenten Wladimir Putin, zumal seine Rede vor dem so genannten Allrussischen Freiwilligenforum in einer Moskauer Sporthalle für Mittwoch angekündigt worden war. Mehr noch, sie wurde kurzfristig von Dienstag verschoben, damit sie nach der Bekanntgabe des IOC-Beschlusses gehalten werden konnte.

Ende Oktober hatte Putin gewarnt, der Ausschluss Russlands von den Spielen in PyeongChang sowie das Verbot der russischen Nationalhymne und/oder Flagge würde in Moskau als unzumutbare Brüskierung des Landes empfunden werden. Also wurde mit einem Boykott der Olympischen Winterspiele 2018 durch Russland gerechnet.

Kremlsprecher bläst Putins Stellungnahme ab

Überraschend gab Putins Sprecher Dmitri Peskow am frühen Mittwochnachmittag vor Journalisten im Kreml bekannt, der Präsident werde am selben Tag „wohl kaum“ seine Haltung zum IOC-Beschluss veröffentlichen. Er werde die angekündigte Rede zwar halten, darin aber nicht auf die Olympiaproblematik eingehen. Gleichzeitig forderte Peskow alle auf, Emotionen auszuschließen und den IOC-Beschluss „ernsthaft zu analysieren“.

Die Entscheidung, ob die russischen Sportler in PyeongChang unter einer neutralen Flagge antreten sollen, werde zu einem späteren Zeitpunkt fallen. „Wir müssen noch eine Reihe von Fragen beantworten, und dafür wären Kontakte mit dem IOC unerlässlich“, sagte der Kremlsprecher. Eine Reihe von technologischen Fragen sei noch zu klären. Es sei erforderlich, festzulegen, wer und wie diese Kontakte wahrnehmen soll. Der frühere Präsident des Olympischen Komitees Russlands (OKR), Alexander Schukow, der frühere russische Sportminister Witali Mutko und dessen Stellvertreter Juri Nagornych wurden in Lausanne auf Lebenszeit disqualifiziert. Das trifft zeitlich begrenzt auch für das OKR als Ganzes zu.

Verspäteter Versuch einzulenken

Es ist also niemand da, der mit dem IOC Kontakt aufnehmen könnte, obwohl Kontakte unvermeidlich sind. Es geht nicht nur um die Teilnahme jener russischen Sportler, die nach Pjöngjang unter der IOC-Flagge eingeladen werden sollen. Das IOC fordert ja vom OKR noch 15 Millionen Dollar (12,6 Millionen Euro / 14,8 Millionen Franken) an Unkosten, die aus dem Dopingskandal erwachsen sind.

Zunächst hieß es, russische Fernsehanstalten würden „so gut wie keine“ Übertragungen aus Korea übernehmen. Am Mittwoch wurde jedoch bekannt, dass der Staatssender Match-TV, der als Generalsauftragnehmer für Olympia-Sendungen auftritt, nichts übereilen will. Man könnte meinen, Putin deute Einlenken an - allerdings mit reichlicher Verspätung.

In den letzten Wochen hatten Experten wiederholt gesagt, der Kreml täte gut daran, „vorauseilende“ Schritte zu unternehmen. Vor allen Dingen hätte man sich entschuldigen, um Verständnis bitten und den „absoluten Buhmanns des IOC“, Minister Mutko, entlassen sollen. Stattdessen wurde dieser zum Vizeregierungschef befördert.

Gorbatschow spricht von „Unfug“

In der russischen Staatsduma forderte der kommunistische Abgeordnete Waleri Raschkin Mutko zum Rücktritt auf. Er solle sich auch vor den Bürgern Russlands „für die Entehrung und Entwürdigung ihres Landes“ entschuldigen. Die Präsidentschaftsanwärterin Xenia Sobtschak schrieb an die russischen Athleten: „Fliegt hin und siegt!“

Der tschetschenische Republikchef Ramsan Kadyrow erklärte: „Kein Sportler aus Tschetschenien wird unter der neutralen Flagge auftreten“. Und der ex-sowjetische Präsident Michail Gorbatschow bezeichnete den IOC-Beschluss als „Unfug“.