Hintergrund


Russland rätselt über Absturzursache

12 Februar 2018 | aktualisiert 12 Februar 2018

Die russischen Behörden ermitteln wegen des Flugzeugabsturzes vom Sonntag in alle Richtungen. Auch ein Anschlag wird nicht ausgeschlossen, gilt aber als unwahrscheinlich. Präsident Putin sagt eine Reise ab und überwacht die Ermittlungen persönlich.

Moskau. In Russland ist am Sonntag eine mittelgroße Regionalmaschine vier Minuten nach dem Abflug vom Moskauer Flughafen Domodedowo abgestürzt. Die Ursache dafür ist völlig unklar. Das Unglück muss unerwartet passiert sein. Die Piloten hatten nicht einmal Zeit, den Alarmknopf zu drücken. Alle 65 Passagiere und die sechs Besatzungsmitglieder waren sofort tot. Bei ersten Erklärungen am Absturzort sagte der russische Verkehrsminister, für die Identifizierung der Opfer werde man Genanalysen benötigen.

Leichenteile und Trümmer

„Ich hörte eine Explosion und rannte hinaus. Meine Nachbarn kamen nach. Der Schnee lag kniehoch. Wir sahen Flugzeugtrümmer. Sie waren grell gelb. Dann sahen wir eine männliche Leiche und dann noch eine“, erzählte der erste Augenzeuge. Die Leichname seien nicht vollständig gewesen. Der Kopf fehlte, bei einem anderen lagen die Beine abseits. Es handelte sich nur um männliche Leichen. Laut Augenzeugen war ein Flügel zu sehen gewesen, dann andere stark verunstaltete Teile. Die Turbinen und der Bug lagen am Dorfrand. Die Pilotenkanzel hätte beinahe die Häuser getroffen. Schon am Absturztag wurde einer der Flugschreiber gefunden. Der zweite fehlte aber.

Keine mögliche Ursache werde ausgeschlossen, heißt es. Im Klartext heißt es aber: Man hat keinen blassen Schimmer, was es sein könnte. Die Untersuchungen wurden gemäß Artikel 263 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation eingeleitet, also wegen Verstoßes gegen die Verkehrssicherheit beziehungsweise die Vorschriften der Flugsicherheit über fahrlässige Tötung von zwei und mehr Personen. Man kann alles Mögliche darunter einordnen.

Mögliche Ursachen passen nicht zu Katastrophe

Als die wahrscheinlichsten Unfallursachen gelten Motorbrand oder Zerstörung, Ausfall des Geschwindigkeitsmessers, Vereisen der Maschine und Pilotenfehler. Ein Anschlag wird zwar nicht ganz ausgeschlossen, gilt aber als unwahrscheinlich. Vergleiche mit dem Absturz einer Touristenmaschine über der Sinaiwüste nach einer Explosion im Gepäckraum hinken. Diese hatte sich in 11.000 Meter Höhe ereignet, so dass der Luftdruck das Flugzeug auseinanderriss. Über Domodedowo befand sich die Maschine in nur 900 Meter Höhe. Für diese verheerende Wirkung hätte eine Bombe riesengroß sein müssen. Dann hätte sie sich unmöglich an Bord schmuggeln lassen. Allerdings sprechen alle Augenzeugen von einem „richtig starken Knall“ vor dem Absturz.

Ein Pilotenfehler wird beinahe ausgeschlossen. Der Flieger Sergej Gambarjan verfügte über 5000 Stunden Flugerfahrung, davon 3000 mit der Antonow-148. Die Fluggesellschaft Saratow Airlines besitzt insgesamt sechs Maschinen von diesem Typ, die sie von der Präsidentenstaffel Rossija übernommen hat. Man geht davon aus, dass sie in keinem schlechten technischen Zustand sein konnten.

Fluggäste sprechen von Unregelmäßigkeiten

Die Maschine sollte am Sonntag wie immer nach Orsk im Gebiet Orenburg fliegen. Es ist die einzige schnelle Verbindung in die 200.000 Einwohner zählende Stadt. Die Fluggesellschaft hat also faktisch ein Monopol auf die Verbindung zwischen Moskau und Orsk, und die Kunden haben sich kaum Beschwerden leisten können. Wiederholt drangen jedoch Gerüchte über Unregelmäßigkeiten nach außen. Einmal hatten sich die Fluggäste darüber beschwert, dass die Piloten eine Tochter des Generaldirektors der Fluggesellschaft vorschriftswidrig in ihrer Kabine mitgenommen hatten.

Putin blieb im Kreml

Zu der in rund einem Monat bevorstehenden Präsidentschaftswahl passt die Katastrophe vom Sonntag denkbar schlecht. Präsident Wladimir Putin verschob deshalb seine ursprünglich für Montag geplante Reise nach Sotschi, um die Arbeit der eben gebildeten Untersuchungskommission persönlich zu überwachen.