Hintergrund


Mädchen im Krieg

22 Mai 2018 | aktualisiert 23 Mai 2018

In Ralf Rothmanns neuem Roman „Der Gott jenes Sommers“ erzählt eine Zwölfjährige vom Kriegsende 1945. Der Autor konzentriert sich ganz auf die Gefühle des Mädchens und verfällt dabei in Klischees. Die Männer sind in dem Buch hingegen Waschlappen oder Bösewichter.

Menschen, die heute jenseits der 60 sind, waren als sie geboren wurden, fast noch Kinder des Zweiten Weltkriegs. So auch Ralf Rothmann, 65 Jahre alt und Autor mehrerer großartiger Romane. Je älter er wird, desto mehr erzählt er von der Menschheitskatastrophe und ihren dramatischen Nachwirkungen. Zuletzt in „Im Frühling sterben“ (2015), in dem er das Schicksal eines jungen Wehrmachtssoldaten beschrieb. Es handelt um seinen Vater, der die Wirren des Krieges durchstehen musste. Nie habe er dem Sohn erzählen wollen, „wie es im Krieg wirklich war“. In seinem neuen Roman „Der Gott jenes Sommers“ eröffnet der Autor eine ganz andere Perspektive auf das Unheil der Nazi-Zeit.

Geschichte beginnt im Februar 1945

Rothmann schildert es aus dem Erleben der zwölfjährigen Luisa Norff. Die Rothaarige ist zu jung, um dem Nazismus verfallen zu sein, aber um sie herum tobt der Fanatismus der Anhänger von Hitlers Endsiegwahn. Und auch hier geht es dem Autor darum, erfahren zu wollen, wie es wirklich war im Krieg und danach.

Luisa ist mit ihrer Mutter und der Schwester aus dem Chaos einer Hansestadt evakuiert worden. „Kiel, oder was davon übrig ist, brennt jede Nacht“, heißt es. Feindliche Piloten, die den Hafen der deutschen Kriegsmarine vernichten wollen, machen auch die Stadt zum Trümmerfeld. Luisa kommt nach Gut Bovenau bei Rendsburg. Der in Kiel zurückgebliebene Vater kann als Chef des Offizierscasinos in der Marinekaserne seine kleine Familie einmal pro Woche versorgen, hin und wieder auch mit Leckerbissen. Es gibt sogar Champagner und Austern zum 40. Geburtstag von Luisas Schwager Vinzent. Der ist ein Hallodri, aber SS-Hauptsturmführer und hat das Gut unter seinen Befehl gestellt. Die Geschichte beginnt im Februar 1945 und geht über die Wochen bis zur Eroberung Norddeutschlands durch die vorrückenden Truppen der Briten im Mai.

„All Angst der Welt“

Luisa ist vor den Bomben gerettet, aber nicht vor der Agonie des Dritten Reiches. Im Lager schuften Kriegsgefangene und andere Sträflinge im Torf. Flüchtlinge aus dem Osten strömen nach Holstein, im Lazarett pflegen Nonnen verwundete Matrosen, die verroht sind und lüstern auf Sex. Die Angst vor Vergewaltigungen kursiert im Ort, die Angst vor Übergriffen, weil die Russen den deutschen Osten überrollen. In einem Buch von Gryphius findet Luisa einen Satz, der ihre Lage trifft: „Weil mir auf einen Tag all Angst der Welt begegnet.“

Rothmann beschreibt Stimmungen

Rothmanns Roman hat keine eigentliche Handlung. Er reiht Episoden aneinander, konfrontiert Gut und Böse. Luisa flirtet zum ersten Mal, mit einem Melker, der noch nicht die Feinheiten der Erotik kennt. Ihr Schwager dagegen wird übergriffig, fast wäre es zur Schändung gekommen. Nazi-Lehrer brüllt Durchhalteparolen. Dazwischen das Endzeit-Geschwafel, die psychische Last, die sich auch in körperlichen Krankheiten manifestiert. Aber auch die Geburt eines Kalbes, es wird aus dem Leib der Mutterkuh gezogen, was Rothmann ausgezeichnet beschreiben kann. Luisa fühlt sich „sehr alt“ in der bedrückten Stimmung, sie weiß um das Ende ihrer Kindheit.

Darum geht es Rothmann: er beschreibt Stimmungen. Luisa entdeckt Literatur, liest Rilke und Shakespeare. Die Frauen sind praktisch veranlagt. Die Männer Waschlappen oder Bösewichte. Der Autor konzentriert sich auf das junge Mädchen und seine Gefühlswelt. Spätestens ab der Hälfte des Romans wirkt das klischeehaft. Die blutjunge, reine und immer edler werdende Hauptfigur in der Härte des Lebens. Luisa wird nicht in ihrer Persönlichkeitsbildung beschrieben – sie ist die unschuldige Heldin. Am Ende möchte sie Nonne werden, helfen, heilen, trösten, aber sich auch aus der Welt zurückziehen. 

Ralf Rothmann: „Der Gott jenes Sommers.“ Suhrkamp, Berlin, 254 S., 18,99 €.