Hintergrund


Trauern an der falschen Leiche

01 Dezember 2017 | aktualisiert 01 Dezember 2017

Im Moskauer Vorort Dolgoprudny sind die Leichname zweier Frauen verwechselt worden. Es wäre nicht weiter schlimm gewesen, nur fiel das den Hinterbliebenen erst auf, als eine der Toten bereits unter der Erde lag. Doch es fand sich noch eine Lösung.

Moskau. „Die Sowjetmacht endet an der Moskauer Ringautobahn“, behauptete früher ein geflügeltes Wort. Das kommunistische Imperium hat längst das Zeitliche gesegnet, sinngemäß stimmt der alte Spruch aber nach wie vor. Moskau ist heute eine fast europäische Stadt geworden. Jenseits der Stadtgrenze beginnt aber ein „wildes Feld“, in dem zivilisierte Regeln und Gesetze nur ausnahmsweise befolgt werden. Das ist nicht nur im Leben so, sondern auch danach. Wie die Tageszeitung „Moskowski Komsomolez“ berichtet, wurden Mitte November die Leichname zweier Frauen, die an ein und demselben Tag gestorben waren, bei der Leichenschau im Moskauer Vorort Dolgoprudny verwechselt.

„Das ist nicht unsere Oma“

Sinaida Iwanowna hatte zu ihren Lebzeiten den Wunsch geäußert, eingeäschert zu werden. Als nun im Krematorium Mitino Abschied von der Verblichenen genommen wurde, munkelten die Trauergäste, sie sehe mächtig verändert und gut zehn Jahre älter aus. Der Bestatter wiegelte ab: Tote sähen durch die Erschlaffung der Gesichtsmuskel tatsächlich anders als zu Lebzeiten aus. Das mochte ja stimmen, Sinaida hatte aber an Stelle ihrer üppigen weißen Haarpracht einen grellrot gefärbten Haarschopf. Dem hielt der Bestatter entgegen, die Toten würden für die Trauerzeremonie vorher immer fit gemacht. Ja, aber wer konnte auf die Idee gekommen sein, eine ältere Frau umzufärben? Einer von Sinaidas Enkeln, Sergej, setzte dem Spuk ein Ende. „Das ist ja gar nicht unsere Oma!“, rief er laut. Also fuhr die Tote in ihrem Sarg nicht nach unten zum Ofen, sondern zurück ins Freie.

Pappmarken am Fuß vertauscht

Mach stundenlangen Klärungen erfuhr man, dass Sinaida Iwanowna einen Tag früher von einer anderen Familie abgeholt und auf dem Friedhof der moskaunahen Kleinstadt Schtscholkowo beerdigt worden war. Dort hatten die Hinterbliebenen an der Verstorbenen nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Der Sohn der Toten sei sehr zufrieden gewesen, dass seine Mutter „viel schöner und jünger als früher“ wirkte, erzählte ein Kollege im Leichenschauhaus. Die Eintragungen in den Dokumenten stimmten. Offenbar hatte man die Pappmarken, die die Entschlummerten an die große Zehe des rechten Fußes angebunden bekommen, aus Versehen vertauscht.

Krematorium hatte längst Feierabend

Es dauerte keine drei Stunden, bis man die „richtige“ Tote wieder ausgegraben und den Hinterbliebenen übergeben hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte jedoch das Krematorium bereits Feierabend gemacht. Der Trauergesellschaft blieb nichts anderes übrig, als in das 70 Kilometer westlich von Moskau gelegene Narofominsk zu fahren, um die Oma in einer Familiengruft, die sie dort besaß, beim Licht der Autoscheinwerfer beizusetzen. Warten mochten sie nicht, weil zu Hause bereits eine für den traditionellen Leichenschmaus gedeckte Tafel bereit stand. Es konnte unter solchen Umständen nicht ausbleiben, dass Trauerreden von etwas unpassenden Scherzen abgelöst wurden. Das störte aber niemand. Die Verstorbene sei ein lustiger Mensch gewesen, hieß es. Tatsächlich konnte man von Glück reden, dass die erste Tote nicht verbrannt, sondern beerdigt wurde. Sonst wäre ein „Rücktausch“ etwas problematisch gewesen.