Hintergrund


Uber-Chef wackelt

13 Juni 2017 | aktualisiert 14 Juni 2017

Der Druck auf Ubers Chef Travis Kalanick wächst. Immer mehr seiner wichtigen Mitarbeiter gehen, er selbst denkt über eine Auszeit nach. Nun sucht der Taxidienstleister einen neuen Chef, der die chaotische, aggressive Unternehmenskultur aufräumen kann.

Boston. Noch bevor der frühere Justizminister Eric Holder seinen Bericht über die ruppige Unternehmenskultur beim Taxi-Dienst Uber vorlegte, zog die Unternehmensspitze Konsequenzen. In der vergangenen Woche wurden 20 Mitarbeiter entlassen und der Vizepräsident Emil Michael trat am Montag von seinem Führungsposten zurück. Der Verwaltungsrat hat auch schon darüber diskutiert, dass der Uber-Mitbegründer und amtierende Chef Travis Kalanick für drei Monate in den Zwangsurlaub geschickt werden soll, um ihn während der Untersuchungen über die Personalführung und sexuelle Belästigung im Unternehmen aus der Schusslinie zu nehmen.  

Internes Aufräumen

Das soll den Eindruck erwecken, dass im Hause Uber aufgeräumt wird. „Der Verwaltungsrat versucht offenkundig, das Ansehen von Uber zu ändern“, sagte Jeremy Robinson-Leon, CEO der Public Relations-Firma Group Gordon in New York. „Das sendet ein Signal an die Aktionäre aus, dass es Veränderungen geben wird, in der einen oder anderen Form.“

Das Schicksal von Kalanick ist noch nicht entschieden. Das wirft Fragen über die Zukunft des 2009 gegründeten Unternehmens auf, dessen Wert heute auf 68 Milliarden Dollar (60,6 Milliarden Euro / 65,8 Milliarden Franken) geschätzt wird.

„An der Spitze gibt es ein riesiges Vakuum“, sagt Carl Tobias von der Universität Richmond. Der Rechtsprofessor hat Studien zum Phänomen Uber gemacht. „Ich weiß nicht, wie die Zukunft dieses Unternehmens aussehen wird.“

Fowler und andere Sorgen

So unklar die Zukunft ist, so turbulent ist die Vergangenheit von Uber. Die Vorwürfe, dass es bei Uber wiederholt zu sexistischen Übergriffen gekommen sei, wurden publik, als die ehemalige Mitarbeiterin Sarah Fowler im Februar auf ihrem Internetblog darüber berichtete, dass sie als Opfer solcher Belästigungen mit ihren Beschwerden in der Firma von den Vorgesetzten völlig allein gelassen worden sei. Fowler arbeitet inzwischen bei einer anderen Firma im Silicon Valley. Uber hatte zuvor schon viel Ärger. Man warf der Firma vor, illegale Programme zu benutzen, um der Kontrolle von Polizei und Behörden zu entgehen. Vor Gericht muss noch geklärt werden, ob Uber ein Technologieunternehmen ist, wie die Firmenleitung geltend macht, oder doch nur ein Taxidienst mit etwas anderer Fahrgastbehandlung. Uber wurde auch vorgeworfen, es habe Technologie von anderen Unternehmen gestohlen, konkret von Waymo, das zur Google-Mutter Alphabet gehört. Kalanick soll Fahrer heftig kritisiert und Fahrten von Demonstranten zu Protesten gegen Donald Trumps Einreiseverbot unterbunden haben.

Holder ermittelt

Nach Fowlers Blogbeitrag geriet selbst der sonst so überhebliche Kalanick unter Druck. Er beauftragte Ex-Justizminister Holder damit, die Sachverhalte zu klären. Dessen Bericht wird nun auch den Uber-Mitarbeitern zugänglich gemacht.

Darin sollen 215 Fälle sexueller Belästigung, von Mobbing und anderem unprofessionellem Verhalten gegenüber Mitarbeitern aufgezählt werden. Diese werden jetzt von der Anwaltsfirma Perkins untersucht.

Drei Frauen in den Vorstand

In dem Holder-Bericht wird der Uber-Führung empfohlen, Frauen in den Vorstand zu holen, um dem Management den Charakter eines Männerklubs zu nehmen – die Gruppe um Kalanick nannte sich das „A-Team“ nach der bekannten Fernsehserie. Zu den Neuen sollen Nestlé-Managerin Wan Ling Martello gehören, Wirtschaftsprofessorin Frances Frei von der Universität Harvard und die ehemalige Apple-Managerin Bozoma Saint John.

Jedenfalls profitiert Ubers Konkurrent Lyft von der Situation. Laut den Marktbeobachtern von TXB hat Lyft jetzt einen Anteil von 25 Prozent am Funktaxi-Dienst in den USA. Im Januar, bevor bei Uber der Sturm losbrach, waren es nur 18 Prozent.